Menschliche Metropole: S-Bahn-Achsen in der Metropolregion ausbauen

Die Schleswig-Holsteinische Landesregierung verfolgt ein so genanntes „Achsen-Konzept Hamburg“ für einen zügigen Ausbau der Schienennahverkehrsachsen Richtung Hamburg. Dabei sind insbesondere die Schienenverbindungen aus Richtung Itzehoe, Kaltenkirchen, Bad Oldesloe und Büchen nach Hamburg im Fokus. Auf diesen Achsen spielt sich ein großer Teil des Pendlerverkehrs nach Hamburg und aus Hamburg heraus ab. Insgesamt gibt es allein auf den drei Strecken aus Itzehoe, Kaltenkirchen und Bad Oldesloe täglich ca. 350.000 Personenfahrten, von denen nur zwischen 9 Prozent (Hamburg-Kaltenkirchen) und 30 Prozent (Hamburg-Elmshorn) im Schienenpersonennahverkehr erfolgen. Insofern existiert dort ein erhebliches Potenzial an Fahrten, die vom Auto auf die Schiene verlagert werden könnten – ähnlich wie dies mit der Eröffnung der S-Bahn nach Stade augenscheinlich gelungen ist. Der landesweite Nahverkehrsplan Schleswig-Holstein für die Jahre 2008 bis 2012 erwartet selbst bei Beibehaltung des fortgeschriebenen Verkehrsangebots von 2005 bis 2025 eine Steigerung der Nachfrage auf den Schienenverbindungen von Bad Oldesloe nach Hamburg von 24 Prozent und zwischen Itzehoe und Hamburg von 20 Prozent.
Noch größer sind die möglichen Steigerungsraten im Falle eines Ausbaus der Strecken. Der Landesnahverkehrsplan Schleswig-Holstein prognostiziert in diesem Fall sogar eine Zunahme der Verkehrsnachfrage zwischen Hamburg und Ahrensburg von 27 Prozent und zwischen Itzehoe und Hamburg um 30 Prozent. Die letztere Zahl macht deutlich, dass neben der zu priorisierenden Verbindung Richtung Ahrensburg/Bad Oldesloe auch der Ausbau der Strecke Richtung Elmshorn/Itzehoe dringend voran getrieben werden sollte. Dort ist offensichtlich ein erhebliches Verlagerungspotenzial auf die Schiene gegeben, welches aufgrund von Angebotsengpässen ohne einen Ausbau dieser Strecke bei weitem nicht vollständig ausgenutzt werden kann.
Das Achsen-Konzept Schleswig-Holsteins wird auch von der Deutschen Bahn AG grundsätzlich unterstützt. Die DB AG prüft darüber hinaus auch noch eine S-Bahn-Strecke Richtung Lüneburg, wobei diese als besonders teuer und schwer zu realisieren eingeschätzt wird. Im Vordergrund der Prüfungen stehen deshalb derzeit die Verbindungen Richtung Ahrensburg/Bad Oldesloe und Elmshorn/Itzehoe.
Insbesondere eine S-Bahn Richtung Ahrensburg/Bad Oldesloe ist seit Jahren unter dem Namen „S4“ ein von allen relevanten politischen Kräften in Hamburg grundsätzlich befürwortetes Projekt. Seitens der S-Bahn Hamburg GmbH existiert bereits seit dem Jahr 2002 eine Machbarkeitsstudie, die einen viergleisigen Ausbau bis hinter Rahlstedt und einen dreigleisigen Ausbau bis Ahrensburg-Nord sowie die Weiterführung der S-Bahn auf den Fernbahngleisen von dort bis Bad Oldesloe und damit eine S-Bahn weitestgehend auf eigenen Gleisen vorsieht. Diese Studie wurde seinerzeit dem Bau- und Verkehrs-ausschuss der Bürgerschaft vorgestellt (Drs. 17/2237). Die Hamburgische Bürgerschaft hat vor diesem Hintergrund zuletzt im Juni 2005 einstimmig den Senat aufgefordert, „sich mit der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung ins Benehmen zu setzen, um anlässlich der Ausbauplanung des Bundesverkehrswegeplans für die Strecke Hamburg – Lübeck ein gemeinsames Konzept zum Bau einer S-Bahn nach Bad Oldesloe zu entwickeln“ (Drs. 18/2459). Passiert ist in diesem Sinne von Seiten des Senats seitdem wenig. Gespräche mit Schleswig-Holstein werden offensichtlich nicht geführt und Versuche des Nachbarlands, Kontakt in dieser Frage aufzunehmen, mit dem Hinweis auf aktuell laufende Gutachten über das Schienennetz Hamburg abgeblockt.
Anfang Dezember 2008 wurde nun die Elektrifizierung der Bahnstrecke Hamburg – Lübeck abgeschlossen. Trotzdem gibt es auf dieser für den Fernverkehr Richtung Skandinavien und dem Güterverkehr ebenso wie dem Schienenpersonennahverkehr genutzten Verbindung unverändert Kapazitätsengpässe. Für die zahlreichen Pendler zwischen den Gemeinden der Metropolregion und Hamburg gibt es kaum Verbesserungen.
Der Bundesverkehrswegeplan und das darauf aufbauende Bundesschienen-wegeausbaugesetz sehen darüber hinaus den Bau eines dritten Gleises zwischen Hamburg-Wandsbek und Ahrensburg als vordringlichen Bedarf vor. Diese Maßnahme soll in erster Linie dem stark wachsenden Güterverkehr dienen, der mit Fertigstellung der geplanten Fehmarnbelt-Querung einen weiteren Schub erhalten dürfte. Durch den Bau eines dritten Gleises würde die Leistungsfähigkeit der Strecke deutlich erhöht. Hiervon kann auch der Nahverkehr durch stabilere Fahrpläne und zusätzliche Zugfahrten profitieren. Wesentliche Verbesserungen, wie zusätzliche Haltestellen und ein verlässlicher 20-Minuten-Takt bzw. ein 10-Minuten-Takt bis Ahrensburg könnten damit aber nicht erreicht werden. Bei einem nur dreigleisigen Ausbau bestünde unverändert die Gefahr, dass aufgrund der vollständig gemeinsamen Nutzung der Gleise, die Güter- und Fernzüge Verspätungen und Zugausfälle im Nahverkehr verursachen.
Dem Bund geht es primär um die Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Strecke für den wachsenden Güterverkehr. Dies ist aber nicht nur durch den Bau eines dritten Gleises möglich, sondern auch durch eine separate S-Bahn-Strecke auf eigenen Gleisen, die die Kapazität der dann weiterhin zweigleisigen Fernbahnstrecke weiter erhöhen würde, da dort rund 100 Nahverkehrszüge entfallen würden. Wenn die Planungen für den Bau einer solchen S-Bahn-Strecke jetzt von den beiden betroffenen Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein konkretisiert und in Angriff genommen werden, kann das im Bundesverkehrswegeplan vorgesehene dritte Gleis in die Realisierung einer S-Bahn nach Ahrensburg / Bad Oldesloe integriert werden. Der Bund würde sich so mehr als sonst üblich an den Baukosten der S-Bahn-Strecke beteiligen. Darüber hinaus gibt es für diese Strecke ebenso wie für eine S-Bahn nach Elmshorn und weiter nach Itzehoe grundsätzlich die Möglichkeit der Finanzierung über das Bundesprogramm des Gemeindeverkehrs-finanzierungsgesetzes.
Aus betrieblichen Gründen könnte eine S-Bahn-Strecke aus Richtung Ahrensburg/Bad Oldesloe nicht im Hamburger Hauptbahnhof enden, sondern muss wenigstens bis zum Bahnhof Altona fahren. Sinnvoller wäre es jedoch, mittelfristig eine solche S-Bahn-Linie auf einer anderen Achse auch wieder in die Metropolregion hinauszuführen. Hier bietet sich insbesondere die Achse nach Elmshorn/Itzehoe an. Insgesamt bedarf es also für die Metropolregion Hamburg einer konzeptionellen Planung für den Schienenpersonen-nahverkehr auf den verschiedenen Achsen – die nach Büchen und Kaltenkirchen eingeschlossen.

Erforderlich ist jedoch ein klares Bekenntnis Hamburgs zu einer möglichst kurzfristigen Realisierung erster Maßnahmen und die längst überfällige Aufnahme von konkreten Gesprächen mit dem Bund, der Deutschen Bahn AG und der schleswig-holsteinischen Landesregierung.
Die Aufnahme von Gesprächen mit Schleswig-Holstein über den Bau einer S-Bahn Richtung Ahrensburg/Bad Oldesloe, wozu die Bürgerschaft den Senat mit Beschluss vom 11. Februar 2009 erneut einstimmig aufgefordert hat, ist in diesem Sinne richtig, reicht aber nicht aus. Das Projekt muss gleichgewichtig mit der Stadtbahn planerisch vorangetrieben werden. Zudem ist perspektivisch gesehen auch ein weiterer Ausbau der weiteren Schnellbahnachsen im Hamburger Umland (insbesondere Richtung Elmshorn/ Itzehoe, aber auch Richtung Büchen, Kaltenkirchen und Lüneburg) voran zu treiben.

Vor diesem Hintergrund möge die Bürgerschaft beschließen:
1. Der Senat wird ersucht:
a. Mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung, der Deutschen Bahn AG und dem Bund unverzüglich Gespräche aufzunehmen, mit dem Ziel, im Sinne einer konzeptionellen Planung konkrete Möglichkeiten zum Bau von S-Bahn-Strecken Richtung Ahrensburg/Bad Oldesloe (S 4), Elmshorn/Itzehoe und Büchen sowie einer verbesserten Schienenverbindung Richtung Kaltenkirchen zu erörtern. Priorität haben dabei die Relationen Richtung Bad Oldesloe und Itzehoe.
b. Insbesondere die zeitnahe Realisierung und Finanzierung der Linie S4 als S-Bahn auf eigenen Gleisen nach Ahrensburg und deren Weiterführung nach Bad Oldesloe mit vorderster Priorität und gleichgewichtig mit dem Projekt Stadtbahn voranzutreiben.
c. Schnellstmöglich eine Vereinbarung mit Schleswig-Holstein, der DB AG und dem Bund über die Finanzierung einer solchen S4 zu treffen und sodann unverzügliche die Einleitung des Planfeststellungsverfahrens zu betreiben.
d. Der Bürgerschaft nach Vorlage der Gutachten zum Schienennetz Hamburg zeitnah über deren Ergebnisse und die Schlussfolgerungen des Senats und regelmäßig über die Umsetzung dieser Beschlüsse zu berichten.
2. Für die notwendigen Planungskosten, insbesondere mit Blick auf das vordringliche Projekt S4, wird ein Titel 6300.799.30 „Planung für die Erweiterung des
S-Bahnnetzes“ eingerichtet und im Jahre 2009 mit 500.000 Euro sowie 2010 mit
1 Mio. Euro ausgestattet. Die Deckung erfolgt aus Regionalisierungsmitteln (Titel 6300.682.02).

Drs. 19/2389 Menschliche Metropole: S-Bahn-Achsen in der Metropolregion ausbauen – Antrag – PDF

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